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Die Strandmatte – ein kleine Geschichte
Es war einmal eine kleine Strandmatte, die sehr unzufrieden und traurig in der Welt herum lag. So viel lieber wäre sie ein schöner, großer und stattlicher Strandkorb gewesen. Die kleine Strandmatte haderte ihr ganzes, noch kurzes Leben mit ihrem Schicksal.
Am Strand sah sie die vielen Strandliegen, um die sich alle Urlauber bemühten. Schon ganz früh morgens, noch bevor die Sonne am Horizont aufging, kamen die ersten Menschen an den Strand.

Nicht um dort zu liegen, nein. Sie kamen, noch ganz verschlafen und noch nicht zurechtgemacht, nur mit einem Handtuch über der Schulter. Dieses Handtuch legten Sie dann auf eine der Liegen, möglichst nah am Wasser. Dann gingen sie einfach wieder. Das taten die Menschen, um sich die beste Liege am besten Platz zu sichern für später, wenn die Sonne hoch am Firmament stand.

Die kleine Strandmatte beachtete niemand. Keiner der menschen wollte auf ihr liegen. Niemand fand interessant genug, als dass es lohnen würde, sich genau diese Matte zu sichern -mit einem Handtuch, und sei es auch noch so achtlos einfach hingeworfen.
So hatte die kleine Strandmatte genug Zeit, nachzudenken und sich in Tagträume zu verlieren. Sie wusste, dass Sie es niemals mit den majestätischen, mit schönem, blau-weiß gestreiften Stoff bezogenen Strandkörben aufnehmen könnte. Nicht einmal für die weniger attraktiven Strandliegen in den hintersten Reihen war die kleine Strandmatte eine echte Konkurrenz.

So stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn Sie eine große, weich gepolsterte und farbenfrohe Matte wäre. Dann würden die Menschen sie zumindest sehen und nicht wie jetzt, einfach achtlos über sie hinweg steigen. Die kleine Strandmatte hatte auch schon modernere Artgenossen gesehen. Solche aus strapazierfähigem Polyester mit einem Drahtgestell. Die waren sicher praktisch, denn manche Menschen brachten diese Matten handlich zusammengefaltet mit aus dem Hotel in der Nähe.

Am Strand klappten die Menschen die Matten dann einfach auseinander. Das Kopfteil ließ sich verstellen und auch so positionieren, dass die Menschen gemütlich auf der Matte lagen und dabei im Sitzen ein Buch lesen konnten. Ein klein wenig neidisch war die kleine Strandmatte auch auf manche Strandtücher. Die sahen so bequem und praktisch aus. Da waren lauter kleine Taschen eingenäht, in denen die Menschen ihre Utensilien verstauen konnten, die sie mit an den Strand brachten.

In den Taschen verschwanden Handy, kleine Geldbörsen, Zigarettenschachteln und auch schon mal eine Kleinigkeit zu Essen – sicher verstaut in einem Frischhaltebeutel.
All das hatte die kleine Strandmatte nicht. Sie war nur aus Bast, umnäht mit etwas Stoff. Sie war noch nicht alt, zeigte jedoch schon deutlich sichtbare Gebrauchspuren: Das Bast war an einigen Stellen brüchig, die Naht der Umrandung teilweise schon aufgegangen. Kein Wunder, schließlich wurde sie von ihrem Besitzer nie gut behandelt.

Die Strandmatte konnte sich noch gut daran erinnern, wie es war, als der Mensch sie in einem Laden gekauft hatte. Sie war eine der letzten im Regal und freute sich wie ein kleines Kind, als endlich eine Hand nach ihr griff. Die kleine Matte konnte es kaum erwarten, endlich mit an den Strand genommen zu werden und ihrer Bestimmung
gerecht zu werden.

Der Mensch, der sie gekauft hatte, nahm sie auch direkt vom Laden aus mit an den Strand und warf sie dort in den Sand. Dann ginge erst als erstes in Wasser. Die kleine Strandmatte konnte vom Strand aus alles beobachten: Der Mensch tollte im Wasser mit Freunden und lachte viel. Nach einer Weile kehrte er zurück und rums- warf er sich auf die Matte. Diese war so erschrocken von der Schwere des nassen Körpers, dass sie zum Teil im Sand versank.

Ihr Mensch bleib ziemlich lange in der Sonne liegen. Immer wieder wälzte er sich vom Rücken auf den Bauch und wieder zurück. Dabei schwitzte er stark. Kein Wunder, die Sonne brannte schließlich unerbittlich und weit und breit war von Schatten keine Spur. Der Schweiß mischte sich mit der Sonnenlotion, mit der der Mensch sein Körper eingecremt hatte, und tropfte auf die kleine Strandmatte.

Endlich erhob sich der Mensch, endlich bekam die kleine Strandmatte wieder Luft und konnte ein wenig durchatmen. Sie dachte, ihr Mensch ginge sicher wieder ins Wasser, um sich abzukühlen. Der Blick aufs Meer war ihr nun versperrt, da sich andere Menschen mit ihren Strandmatten in den Weg gelegt hatte. So wartete die kleine Strandmatte auf ihren Menschen, und wartete und wartete. Schließlich wurde es langsam dunkler. Die Sonne schien im Meer baden zu gehen, zumindest sah es so aus, als sie unterging. Der Strand wurde leerer und leerer, aber der Mensch kam nicht zurück.

Zuerst dachte sie, ihr Mensch sei vielleicht an die Strandbar gegangen, um mit seinen Freunden etwas zu trinken. Als es aber immer dunkler wurde und die Sonne schließlich ganz untergegangen war, war der Strand menschenleer. Niemand war mehr da, auch nicht ihr Mensch. Die kleine Strandmatte redete sich eine zeitlang ein, ihr Mensch hätte sie nur vergessen. Sicher würde er bald kommen und sie holen. Stunden vergingen, und niemand kam, um die kleine Strandmatte abzuholen und mit ins Hotel zu nehmen.

Langsam wurde der kleinen Strandmatte klar, dass ihr Mensch sie nicht vergessen hatte. Er hatte sie einfach liegen lassen, er konnte sie nicht mehr gebrauchen. Er hatte sie weggeworfen, schlimmer, nicht einmal die Mühe war sie ihm wert. Das machte die kleine Strandmatte unendlich traurig. Sie fühlte sich verlassen, wertlos, unnütz. Niemand wollte sie. So lag die kleine Strandmatte nun schon seit Tagen am Strand, immer an der gleichen Stelle. Tagsüber brannte die Sonne, nachts blinkten die Sterne über ihr. Sie hatte nichts zu tun, sie konnte auch nichts tun – außer träumen und die Menschen am Strand beobachten.
So vergingen die Tage und Nächte, ohne dass irgendjemand von der kleinen Strandmatte Notiz nahm. Sie hatte sich schon mit ihrem Schicksal abgefunden und wartete nur darauf, bis sie sich mit der Zeit vollends auflösen würde und es sie irgendwann einfach nicht mehr gab.

Da kam plötzlich, es war schon Nachmittag, ein kleiner Mensch vorbei und setzte sich neben die kleine Strandmatte. Das Menschlein fing an, mit ihr zu reden – zwar unverständlich, es war eher ein Brabbeln als ein Reden – aber die kleine Strandmatte freute sich wie an dem Tag, an dem sie gekauft wurde. Der kleine Mensch fing auch an, mit ihr zu spielen. Die kleinen Hände rupften und zupften an ihr, rollten sie zusammen und wieder auseinander – es war ein Heidenspaß für beide. Irgendwann hörte die kleine Strandmatte ein Rufen und der kleine Mensch wandte sich von ihr ab und ging davon. Während er auf seinen kleinen Beinen davonlief, drehte er sich noch einmal um und winkte der kleinen Strandmatte zu.

Diese kleine Geste machte die Strandmatte glücklich. Sie wusste, morgen würde dieser kleine Mensch wiederkommen und mit ihr spielen.